"Organisch"

Wenn es ein Buch schafft, mich durch seine Sprache zu begeistern, durch sein Inhaltsverzeichnis neugierig zu machen und mich auf den ersten beiden Seiten zu berühren, dann ist es das Buch von Dr. Giulia Enders „Organisch: Was es wirklich bedeutet, auf unseren Körper zu hören“. Dabei ist es ein Sachbuch aus dem Bereich Medizin, also Wissenschaftskommunikation. Nichts, was ich sonst bisher häufig gelesen habe. Doch das Gespräch mit Matze Hielscher in seinem Podcast: „Hotel Matze“ (Link s.u.) mit Giulia Enders hat mich neugierig gemacht.

Aus ihrem Alltag als Ärztin berichtet Dr. Giulia Enders, was sie umtreibt: „Klar konnte ich diesen Menschen Abhilfe verschaffen – etwas verschreiben, Verschiedenes ausprobieren und Beschwerden lindern, aber gleichzeitig fühlte sich das auch nicht wie die wirkliche Lösung ihrer Probleme an. Ich beobachtete, dass es Menschen belastete, wenn sie nicht wie Maschinen funktionierten, nicht wie Puppen aussahen – und dass es ihnen peinlich war, einsam zu sein oder traurig zu werden. Mir fehlten die Worte für etwas, das ich auf Dauer immer spürbarer fand. Mindestens so oft, wie ich kranke Organe behandelte, behandelte ich eine merkwürdige Zeit.“

Das hat mich angerührt. Ihr Rezept für den Umgang mit dieser merkwürdigen Zeit hat mich überzeugt das Buch zu lesen. „Wir leben in einer lauten und fordernden Welt. Von außen prasseln andauernd Informationen auf uns ein: Was wir erreichen sollten, wie wir leben könnten, wie wir auszusehen oder uns zu fühlen haben – während wir oft noch nicht einmal begreifen, was wir im Hier und Jetzt bereits sind. Könnte Wissen über unseren Körper ein Gegengewicht zu dem sein, was ich im Krankenhaus und an mir selbst beobachtete? Würde eine körperliche Perspektive – wenn auch nur ein Stück weit – helfen, im Strudel der Modernität das Menschliche zu bewahren?“, fragt sie.

Kurzer Blick ins erste Kapitel

Das Buch ist unterteilt in fünf Kapitel und in jedem wird ein anderes Organ betrachtet: u.a. das Gehirn und die Lunge. Wunderschöne Illustrationen der Schwester der Autorin (Jill Enders) umrahmen dieses. Das Sachbuch trägt den Titel „Organisch“ und im ersten Kapitel wird auch erklärt, weshalb: „Egal, wie laut die Welt um uns herum ist, (…) wir sind organische Wesen. (…) Es gibt eine Stimme, die uns an all das erinnert. Ihre Sprache zu sprechen macht uns zu Ureinwohnern unseres Selbst: Organisch“. Diese bildhaft, verspielte Sprache ist exemplarisch für das gesamte Buch, das es schafft auch für mich sperrige medizinische Themen leicht rüberzubringen.

Besonders schön ist auch, dass in Dr. Giulia Enders Buch auch persönliche Erfahrungen verarbeitet werden, wie der Tod ihrer Oma „Müdi“ oder andere Erlebnisse mit Weggefährten. Das macht die Autorin nahbar und gleichzeitig verleiht es dem Buch Tiefe und ist so gar nicht das, was ich von gängigen Sachbüchern kenne.

Das erste Kapitel, ohne zu sehr zu spoilern, befasst sich mit dem Atem und der Lunge. Es handelt davon, wie wir als Lebewesen entstanden sind (nämlich aus einer „Sauerstoffkatastrophe“) und wie unser Organismus lernte, damit umzugehen. Es befasst sich mit der Wichtigkeit des Atmens, Atemtechniken und dem Gleichgewicht des Lebens. Auch über die Folgen von Luftverschmutzung und der Verantwortung die insbesondere unsere Politiker:innen tragen, wenn es darum geht, die Luftqualität zu erhalten oder besser noch zu verbessern, werden thematisiert.

Giulia Enders beginnt das Buch mit der Lunge. Und endet mit dem Gehirn. Diese Hierarchie hat sie bewusst gewählt, scheint mir. Sie sagt nämlich, „Atmen, genauso wie Trinken, Verdauen, Schlafen – das sind Hausfrauentätigkeiten des Menschseins. Historisch abgewertet und leichtfertig übergangen, sind sie jedoch nicht nur cleverer als lange vermutet, sondern formen auch das Leben stärker, als wir es ihnen zugestanden haben.“

Snackable Content

Das Buch in drei kurzen Sätzen: Vermittelt neue Erkenntnisse der Medizin in verständlicher Sprache, ist berührend, und schön illustriert.

Lieblingszitat: „Wer Durst hat, trinkt. Wem’s schwer ist, atmet.“

Wie viele Sterne vergebe ich: 5/5 Sternen

Was ich vom Buch mitgenommen habe: Auf den Körper hören, ist die beste Medizin. Medizin kann auch für mich verständlich sein. Der menschliche Körper ist richtig spannend!

Das würde ich die Autorin gerne fragen: Woran arbeitest du gerade und welches ist dein Lieblingsorgan?

Weiterführende Links

Link zum Buch: https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1074671674

Link zum Podcast „Hotel Matze“: https://www.youtube.com/watch?v=s6asGzLT1c8

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